ndo: Semiya, du hattest bereits 2013 ein Buch veröffentlicht. Wie kam es dazu, dass ihr beiden letztes Jahr gemeinsam das Buch “Unser Schmerz ist unsere Kraft” veröffentlicht habt? Warum war es wichtig, dieses Buch gerade jetzt (2025) zu veröffentlichen?
Semiya: Uns war es wichtig, ein Jugendbuch zu schreiben, weil viele junge Menschen die NSU-Morde nicht kennen, sie waren oft noch gar nicht geboren als unsere Väter ermordet wurden. Trotzdem haben sie das Recht zu erfahren, was in Deutschland geschehen ist.
Mit unserem Buch möchten wir zeigen, welche Folgen Rassismus haben kann, wie tief der Verlust eines geliebten Menschen eine Familie erschüttert und wie belastend das Versagen der Behörden sowie der Umgang mit den Angehörigen waren.
Gleichzeitig erzählt das Buch auch von Hoffnung: In dieser schweren Zeit ist zwischen Gamze und mir eine enge Freundschaft entstanden. Sie hat uns die Kraft gegeben, gemeinsam für Erinnerung, Gerechtigkeit und gegen das Vergessen zu kämpfen.
Diese Erfahrungen und Botschaften wollten wir mit den Leserinnen und Lesern teilen – damit die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät und zukünftige Generationen daraus lernen.
ndo: Gab es in eurem Prozess des gemeinsamen Schreibens an diesem Buch einen Moment wo ihr über das zentrale Thema des Schmerzes zusammen nach einer Begriffs-Klärung gesucht habt?
Gamze: Ja, auf jeden Fall. Uns war relativ schnell klar, dass Schmerz für uns nicht nur Trauer bedeutet. Schmerz umfasst auch die Erfahrung von Ausgrenzung, die jahrelangen Verdächtigungen gegen unsere Familien, die Enttäuschung über staatliches Versagen und die Erfahrung, immer wieder erklären zu müssen, was geschehen ist. Gleichzeitig haben wir gemerkt, dass Schmerz etwas sehr Individuelles ist. Obwohl wir ähnliche Erfahrungen gemacht haben, erlebt und verarbeitet jede Person Verlust anders.
Deshalb haben wir nicht versucht, eine einzige Definition von Schmerz zu finden. Vielmehr wollten wir zeigen, wie unterschiedlich Schmerz aussehen kann und wie er sich über die Jahre verändert. Der Titel „Unser Schmerz ist unsere Kraft“ beschreibt genau diese Entwicklung: Der Schmerz verschwindet nicht, aber man kann lernen, aus ihm Haltung, Solidarität und Handlungskraft zu entwickeln.
ndo: Wann wird persönlicher Schmerz für euch politisch und wann bleibt er privat oder einer Öffentlichkeit schwer vermittelbar?
Gamze: Unser persönlicher Schmerz wurde in dem Moment politisch, als deutlich wurde, dass die Morde an unseren Vätern keine Einzelfälle waren, sondern Teil einer rassistischen Mordserie. Spätestens als die Ermittlungen jahrelang gegen die Familien und nicht gegen die Täter gerichtet wurden, wurde aus einer privaten Tragödie auch eine gesellschaftliche und politische Frage.
Gleichzeitig gibt es Bereiche des Schmerzes, die privat bleiben. Die Beziehung zu einem Vater, die gemeinsamen Erinnerungen, die Momente des Vermissens im Alltag – das sind Erfahrungen, die sich nicht vollständig öffentlich machen lassen. Oft interessieren sich Menschen für politische Botschaften oder historische Einordnungen, aber weniger für die ganz alltäglichen Folgen eines Verlustes. Gerade diese persönlichen Dimensionen sind manchmal schwer vermittelbar, obwohl sie unser Leben bis heute prägen.
ndo: Was konnten Ihr in diesem Buch mitteilen, was in Interviews, Gedenkveranstaltungen oder politischen Debatten bisher keinen Platz gefunden hat?
Gamze: Wir wollten vor allem die Perspektive der Familien sichtbar machen. In vielen Debatten geht es um die Täter, um Ermittlungsfehler oder um politische Konsequenzen. Das ist wichtig, aber oft geraten die Menschen aus dem Blick, die ermordet wurden, und die Familien, die mit den Folgen leben müssen.
Mein Vater Mehmet Kubaşık war mehr als ein Opfer einer Mordserie. Er war ein liebevoller, ruhiger und herzlicher Mensch. Er war Familienmensch durch und durch und jemand, auf den man sich immer verlassen konnte. Er hat jeden Tag in seinem Kiosk gearbeitet, um unserer Familie ein gutes Leben zu ermöglichen. Für uns war er der Mittelpunkt.
Im Buch konnten wir von diesen Menschen erzählen. Wir konnten zeigen, was verloren gegangen ist und wie sich dieser Verlust bis heute auf unser Leben auswirkt. Außerdem wollten wir deutlich machen, dass Erinnerung und Aufklärung nicht mit einem Gerichtsprozess enden. Sie müssen weitergehen.
ndo: Hattet ihr während des Schreibens auch Kontakt zu anderen Hinterbliebenen? In einem von 2024 veröffentlichten Interview sagtet ihr, dass sich viele Familien nach dem Prozess zurückgezogen haben – sie hätten die Hoffnung auf staatliche Unterstützung verloren. Habt ihr diese Hoffnung bewahrt oder sie ebenfalls verloren?
Gamze: Der Austausch mit anderen Hinterbliebenen war und ist für mich sehr wichtig. Es gibt Erfahrungen, die nur Menschen verstehen können, die Ähnliches erlebt haben. Dieser Zusammenhalt hat mir in vielen schwierigen Momenten Kraft gegeben.
Wenn ich auf die vergangenen Jahre zurückblicke, dann waren sie geprägt von Trauer, Wut und Ohnmacht. Als mein Vater ermordet wurde, haben uns die Behörden nicht wie Angehörige behandelt, sondern wie Verdächtige. Diese Erfahrung war entwürdigend und hat tiefe Spuren hinterlassen. Es gab wenig Unterstützung, aber viel Misstrauen.
Deshalb haben viele Familien das Vertrauen in staatliche Institutionen verloren. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Meine Hoffnung richtet sich heute weniger auf Versprechen als auf tatsächliche Konsequenzen. Hoffnung geben mir die Menschen, die sich für Erinnerung, Aufklärung und Gerechtigkeit einsetzen. Hoffnung gibt mir auch, dass heute mehr Menschen wissen, wer Mehmet Kubaşık war und dass sein Name mit Respekt genannt wird. Aber die Forderung bleibt dieselbe: vollständige Aufklärung, Gerechtigkeit und Konsequenzen.
ndo: Wie kam es dazu, dass ihr ein Jugendsachbuch geschrieben habt und nicht z.B. einen akademischen Essay?
Semiya: Wir haben uns bewusst für ein Jugendsachbuch entschieden, weil wir selbst noch Jugendliche waren, als die Morde geschahen. Wir wissen deshalb, wie wichtig es ist, junge Menschen dort abzuholen, wo sie stehen.
Unser Ziel ist es, dass Jugendliche von den NSU-Morden erfahren und verstehen, welche Folgen Rassismus für Betroffene und ihre Familien hat. Gleichzeitig möchten wir Erinnerungs- und Öffentlichkeitsarbeit leisten und dazu beitragen, dass diese Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.
Ein besonderes Anliegen ist uns, dass das Thema Rassismus stärker in den Schulen behandelt wird. Unser Buch soll dabei als leicht zugängliches Unterrichts- und Diskussionsmaterial dienen und junge Menschen dazu ermutigen, sich mit unserer Geschichte, gesellschaftlicher Verantwortung und dem Einsatz gegen Rassismus auseinanderzusetzen.
ndo: Auch nach den vielen Jahren nach den Morden: was bedeutet Verantwortung und Gerechtigkeit für Euch?
Gamze: Gerechtigkeit ist für mich bis heute eine offene Frage. Kein Urteil und keine politische Erklärung kann meinen Vater zurückbringen. Deshalb bedeutet Gerechtigkeit für mich mehr als die Bestrafung einzelner Täter.
Gerechtigkeit bedeutet, die Wahrheit vollständig aufzuklären. Sie bedeutet, staatliches Versagen anzuerkennen und daraus Konsequenzen zu ziehen. Und sie bedeutet, die Perspektiven der Betroffenen ernst zu nehmen.
Verantwortung heißt für mich, dass die Gesellschaft nicht vergisst. Dass die Namen der Ermordeten genannt werden. Dass Menschen verstehen, welche Folgen rassistische Gewalt für Familien hat. Unser Schmerz ist Teil unserer Geschichte, aber er soll nicht das letzte Wort haben. Das letzte Wort sollen Erinnerung, Menschlichkeit und Zusammenhalt haben.
ndo: Ihr beiden steht seit vielen Jahren in der Öffentlichkeit. Wie hat sich der gesellschaftliche Umgang mit dem NSU-Komplex aus Eurer Sicht verändert und wo seht ihr Stillstand?
Semiya: Es hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Es wurden Vereine und Initiativen gegründet, und mittlerweile gibt es ein starkes solidarisches Netzwerk aus Betroffenen, Angehörigen und engagierten Menschen. Das gibt Kraft und zeigt, dass Erinnerung und Zusammenhalt wachsen können.
Gleichzeitig erleben wir aber auch Stillstand. Für unsere Familie gibt es bis heute keine Gerechtigkeit. Die NSU-Morde wurden nicht lückenlos aufgeklärt, und viele unserer Fragen und Forderungen sind bis heute offen.
Außerdem haben wir die Sorge, dass das, was passiert ist, mit der Zeit in Vergessenheit gerät. Deshalb wünschen wir uns mehr Solidarität und Unterstützung aus der Gesellschaft. Wir brauchen Menschen, die gemeinsam mit uns Druck machen und sich für Aufklärung, Erinnerung und Konsequenzen einsetzen. Besonders wichtig ist uns, dass sich noch mehr junge Menschen engagieren und Teil dieser solidarischen Bewegung werden.
ndo: Wenn Ihr die Möglichkeit hättet (hypothetisch), Dinge am öffentlichen Gedächtnis über den NSU-Komplex zu verändern: Woran sollte in 10 Jahren (anders) erinnert werden und wie sollten Dinge (anders) erzählt werden als heute?
Gamze: Ich wünsche mir, dass in zehn Jahren noch stärker die Menschen im Mittelpunkt stehen, die ermordet wurden. Zu oft wird über Täter, Akten und Behörden gesprochen. Viel zu selten wird gefragt, wer die Opfer waren, wie sie gelebt haben und was sie ihren Familien bedeutet haben.
Mein Vater war nicht nur eines von zehn Mordopfern. Er war Mehmet Kubaşık. Ein Mensch mit Träumen, Hoffnungen und einer Familie, die ihn geliebt hat. Diese Perspektive sollte stärker Teil der Erinnerungskultur werden.
Außerdem wünsche ich mir, dass der NSU-Komplex nicht nur als Kapitel der Vergangenheit betrachtet wird. Erinnerung muss immer auch eine Frage an die Gegenwart sein. Was haben wir gelernt? Welche Verantwortung tragen wir heute? Und was tun wir, damit sich solche Verbrechen und solche Fehler im Umgang mit den Betroffenen nie wiederholen?
ndo: Liebe Gamze, liebe Semiya, vielen Dank euch für eure Perspektive!


